Meine liebe Heimat Afghanistan
Sohaila
Alekozai
Was
soll ich, kann ich von dir erzählen?
Über deine mehrere tausend Jahre alte Geschichte?
Über deine Völker und Vielfalt?
Über deine hohen Berge und schönen Täler?
Über deine schönen und unterschiedlichen Klimaregionen?
Über deine Edelsteine, Bodenschätze?
Über deinen Reichtum an Früchten und Gemüse?
Nein!
Heute rede ich von deinen Leiden und Schmerzen.
Von den Kriegen der Waffenindustrie.
Von den Tausenden von Streu- und Thermobomben der Amerikaner
Und den Millionen russischen,
Die Geschenke der "zivilisierten Welt".
Ja!
Heute spreche ich über deine Menschen.
Über deine Frauen und Kinder, die kaum wissen,
Worum es sich überhaupt handelt, aber am schwersten betroffen
sind.
Über deine Ruinen,
Über dein andauerndes Leid,
Deine verminte und verseuchte Landschaft,
Über deine ungeschützten Kinder.
Deine Frauen hausen im Freien oder haben ein Zelt.
Sie sind auf der Flucht.
Sie sind allein auf der Flucht, sie treten auf die Minen, sie
sterben,
Sie werden verletzt oder invalid.
Frauen haben Kinder, Kinder sind schutzlos gegen Kälte
und Hitze,
Kinder verdursten und verhungern,
Die Mütter begraben auf dem Fluchtweg ihre Kinder.
Oh
Afghanistan!
Deine Menschen trauern und leiden, sie sind alle traumatisiert.
Die Vermutungen über Attentäter bleiben offen.
Die angekündigten politischen Ziele sind nicht erreicht.
Es gibt wieder Tausende Tote.
Zehntausende Verletzte.
Die Millionen Flüchtlinge werden totgeschwiegen.
Opferbilder bleiben verborgen.
Von überall her kamen Waffenlieferungen und wurden legitimiert,
Um deinen Körper weiter zu quälen.
Die Verbrecher der schlimmsten Sorte, Räuber, Banden, Warlords,
Wurden bis an die Zähne bewaffnet.
Meine
geliebte Heimat!
Ich rede über Anarchie und Chaos, die in dir toben, und
den Krieg,
Der in dir wütet ...
Afghanistan!
Meine große Liebe Afghanistan!
Ich trage dich und deine Menschen tief in meinem Herzen.
Du begleitest mich überall hin.
Ich möchte für dich etwas machen und dir etwas widmen,
Für dich da sein.
Ich
möchte in dir Leben sehen,
Du sollst leben und deinen Menschen Lebensfreude beiten.
Du brauchst Frieden, Ruhe und Heilung.
Deine Menschen brauchen dich, du bist unser Obdach.
Deine Flüchtlinge.
Sie brauchen ein gerechtes Leben, sollen zurück kommen.
Sie sollen sich sicher fühlen.
Ihre Grundbedürfnisse sollen gedeckt sein.
Die Bildung ist lebenswichtig.
Sie sollen sich Wissen aneignen dürfen.
Sie sollen über sich selbst entscheiden.
Ich
habe große Hoffnung!
Die
Waffen werden schweigen.
Der Gestank von Patronen wird uns fern sein.
Statt
Minen werden Tulpen aus der Erde sprießen.
Statt Opium werden Baumwolle und Weizen geerntet.
Deine
Bodenschätze und deine Lage im Herzen Asiens
Sollen kein Grund mehr sein, dich in ein Schlachtfeld zu verwandeln,
und deine Bodenschätze werden deinem Volke zugute kommen.
Statt
Bomben und Raketen werden deine Kinder
Heft und Stifte kennen lernen, mit dem Ball
Spielen.
Deine
Männer werden nie wieder in den Krieg gehen.
Deine
Frauen werden nicht mehr Gefangene unter der Burqa
und hinter den Mauern des
Eigenen Zuhauses sein.
Deine Männer und Frauen werden gleichberechtigt sein und
Miteinander gehen.
Deine Frauen und Männer werden dich gemeinsam aufbauen.
Deine
Religion wird eine Zeichen von Frieden und nicht für die
Unterdrückung.
Meine
liebe Heimat Afghanistan!
Ich traue der Tapferkeit deiner Kinder und der Treue deiner
Freunde!
Deine Zukunft ist voller Hoffnung!
März
2002
...
zurück nach Afghanistan - 2003
Die
Versprechungen der Internationalen Allianz "nach"
dem Krieg (der noch immer im Gange ist), waren groß. Die
angekündigten Hilfsmaßnahmen der UNO und reicher
Länder, wie Deutschland, ließen Hoffnung aufkeimen.
Viele Gelder sollten fließen, um den Menschen wieder eine
Perspektive in Afghanistan zu bieten. Viele Flüchtlinge
kehren voller Erwartung auf einen Neuanfang in ihr zerstörtes
Herkunftsland zurück. Was sie dort erwartet? Es ist nicht
einmal eine Überlebensperspektive. 10 Dollar und etwas
Lebensmittel in Kabul für jeden zurückgekehrten Flüchtling.
Das ist alles! So berichtet Sohaila Alekozai, die das Land mehrfach
besuchte. Kein Dach über dem Kopfe, nicht einmal ein Zelt,
hat die UNO zu bieten. So suchen die Menschen nach einem Schutz.
Sie hausen in "Löchern", in Ruinen. Es besteht
Einsturzgefahr. Um die Blicke von der Straße in ihre offene
Bleibe abzuhalten, spannen sie alte Tücher als Sichtschutz.
Für die Kinder gibt es zumeist keine Möglichkeit,
in eine Schule zu gehen. Nicht einmal in Kabul, wo die Situation
weit besser ist als in vielen anderen Landesteilen.
Sohaila Alekozai, in Afghanistan geboren und bereits zweimal
zur Flucht gezwungen, lebt seit Jahren in Deutschland. Als Mitgründerin
des Frauenrat Afghanistan hat sie eine Untergrund-Schule für
Mädchen in Kabul errichtet. Illegal wurden dort die Kinder,
denen jede Schulbildung verwehrt war, unterrichtet. Heute nun
will die engagierte, mutige Frau als Sozialarbeiterin zurück
in ihr Herkunftsland. Qualifiziert für die Arbeit mit Traumatisierten,
hofft sie, dort viel erreichen zu können. Entsprechend
der Hilfsprogramme deutscher Organisationen, von deren Hilfsbereitschaft
viel in den Medien zu hören war, hat sie sich beworben.
Vorzuweisen hat sie ein Diplom aus Afghanistan in Rechts- und
Politikwissenschaften, ein Diplom in Deutschland in Sozialarbeit,
ihre derzeitige Arbeit mit Traumatisierten, ihren Kenntnisreichtum
und ihre Kontakte in Afghanistan, aufgrund derer sich die üblichen
halbjährigen Landes-Schulungen für EntwicklungshelferInnen
erübrigen - erübrigt hätten. Denn Frau Alekozai
hatte bisher faktisch keine Chance mit einer deutschen Organisation
ihrem Wunsch, Afghanistan mit aufzubauen, nachzukommen. Bei
den Arbeitsbedingungen, z.B. der Vergütung, wird von der
Organisationenseite aus je nach Nationalität unterschieden.
Für nicht in Deutschland Gebürtige - Sohaila Alekozai
ist Deutsche afghanischer Herkunft) sind die materiellen und
rechtlichen Bedingungen für die Arbeit vor Ort unannehmbar.
Von der Geschichte und Politik in Afghanistan gebeutelt genug
ist dies eine weitere bittere Erfahrung - zwei Jahre nach dem
Beginn den Bombardierungen.