www.mili-aachen.de

Texte

Tel: 0241 / 89 407 89
(Do./Fr. 11.00-15.00 Uhr)

Birgit, dienstl.
(Stadtbekannt & Co)


Meine liebe Heimat Afghanistan

Sohaila Alekozai

Was soll ich, kann ich von dir erzählen?
Über deine mehrere tausend Jahre alte Geschichte?
Über deine Völker und Vielfalt?
Über deine hohen Berge und schönen Täler?
Über deine schönen und unterschiedlichen Klimaregionen?
Über deine Edelsteine, Bodenschätze?
Über deinen Reichtum an Früchten und Gemüse?

Nein!
Heute rede ich von deinen Leiden und Schmerzen.
Von den Kriegen der Waffenindustrie.
Von den Tausenden von Streu- und Thermobomben der Amerikaner
Und den Millionen russischen,
Die Geschenke der "zivilisierten Welt".

Ja!
Heute spreche ich über deine Menschen.
Über deine Frauen und Kinder, die kaum wissen,
Worum es sich überhaupt handelt, aber am schwersten betroffen sind.
Über deine Ruinen,
Über dein andauerndes Leid,
Deine verminte und verseuchte Landschaft,
Über deine ungeschützten Kinder.
Deine Frauen hausen im Freien oder haben ein Zelt.
Sie sind auf der Flucht.
Sie sind allein auf der Flucht, sie treten auf die Minen, sie sterben,
Sie werden verletzt oder invalid.
Frauen haben Kinder, Kinder sind schutzlos gegen Kälte und Hitze,
Kinder verdursten und verhungern,
Die Mütter begraben auf dem Fluchtweg ihre Kinder.

Oh Afghanistan!
Deine Menschen trauern und leiden, sie sind alle traumatisiert.
Die Vermutungen über Attentäter bleiben offen.
Die angekündigten politischen Ziele sind nicht erreicht.
Es gibt wieder Tausende Tote.
Zehntausende Verletzte.
Die Millionen Flüchtlinge werden totgeschwiegen.
Opferbilder bleiben verborgen.
Von überall her kamen Waffenlieferungen und wurden legitimiert,
Um deinen Körper weiter zu quälen.
Die Verbrecher der schlimmsten Sorte, Räuber, Banden, Warlords,
Wurden bis an die Zähne bewaffnet.

Meine geliebte Heimat!
Ich rede über Anarchie und Chaos, die in dir toben, und den Krieg,
Der in dir wütet ...

Afghanistan!
Meine große Liebe Afghanistan!
Ich trage dich und deine Menschen tief in meinem Herzen.
Du begleitest mich überall hin.
Ich möchte für dich etwas machen und dir etwas widmen,
Für dich da sein.

Ich möchte in dir Leben sehen,
Du sollst leben und deinen Menschen Lebensfreude beiten.
Du brauchst Frieden, Ruhe und Heilung.
Deine Menschen brauchen dich, du bist unser Obdach.
Deine Flüchtlinge.
Sie brauchen ein gerechtes Leben, sollen zurück kommen.
Sie sollen sich sicher fühlen.
Ihre Grundbedürfnisse sollen gedeckt sein.
Die Bildung ist lebenswichtig.
Sie sollen sich Wissen aneignen dürfen.
Sie sollen über sich selbst entscheiden.

Ich habe große Hoffnung!

Die Waffen werden schweigen.
Der Gestank von Patronen wird uns fern sein.

Statt Minen werden Tulpen aus der Erde sprießen.
Statt Opium werden Baumwolle und Weizen geerntet.

Deine Bodenschätze und deine Lage im Herzen Asiens
Sollen kein Grund mehr sein, dich in ein Schlachtfeld zu verwandeln,
und deine Bodenschätze werden deinem Volke zugute kommen.

Statt Bomben und Raketen werden deine Kinder
Heft und Stifte kennen lernen, mit dem Ball
Spielen.

Deine Männer werden nie wieder in den Krieg gehen.

Deine Frauen werden nicht mehr Gefangene unter der Burqa
und hinter den Mauern des
Eigenen Zuhauses sein.
Deine Männer und Frauen werden gleichberechtigt sein und
Miteinander gehen.
Deine Frauen und Männer werden dich gemeinsam aufbauen.

Deine Religion wird eine Zeichen von Frieden und nicht für die Unterdrückung.

Meine liebe Heimat Afghanistan!
Ich traue der Tapferkeit deiner Kinder und der Treue deiner Freunde!
Deine Zukunft ist voller Hoffnung!

März 2002

... zurück nach Afghanistan - 2003

Die Versprechungen der Internationalen Allianz "nach" dem Krieg (der noch immer im Gange ist), waren groß. Die angekündigten Hilfsmaßnahmen der UNO und reicher Länder, wie Deutschland, ließen Hoffnung aufkeimen. Viele Gelder sollten fließen, um den Menschen wieder eine Perspektive in Afghanistan zu bieten. Viele Flüchtlinge kehren voller Erwartung auf einen Neuanfang in ihr zerstörtes Herkunftsland zurück. Was sie dort erwartet? Es ist nicht einmal eine Überlebensperspektive. 10 Dollar und etwas Lebensmittel in Kabul für jeden zurückgekehrten Flüchtling. Das ist alles! So berichtet Sohaila Alekozai, die das Land mehrfach besuchte. Kein Dach über dem Kopfe, nicht einmal ein Zelt, hat die UNO zu bieten. So suchen die Menschen nach einem Schutz. Sie hausen in "Löchern", in Ruinen. Es besteht Einsturzgefahr. Um die Blicke von der Straße in ihre offene Bleibe abzuhalten, spannen sie alte Tücher als Sichtschutz. Für die Kinder gibt es zumeist keine Möglichkeit, in eine Schule zu gehen. Nicht einmal in Kabul, wo die Situation weit besser ist als in vielen anderen Landesteilen.
Sohaila Alekozai, in Afghanistan geboren und bereits zweimal zur Flucht gezwungen, lebt seit Jahren in Deutschland. Als Mitgründerin des Frauenrat Afghanistan hat sie eine Untergrund-Schule für Mädchen in Kabul errichtet. Illegal wurden dort die Kinder, denen jede Schulbildung verwehrt war, unterrichtet. Heute nun will die engagierte, mutige Frau als Sozialarbeiterin zurück in ihr Herkunftsland. Qualifiziert für die Arbeit mit Traumatisierten, hofft sie, dort viel erreichen zu können. Entsprechend der Hilfsprogramme deutscher Organisationen, von deren Hilfsbereitschaft viel in den Medien zu hören war, hat sie sich beworben. Vorzuweisen hat sie ein Diplom aus Afghanistan in Rechts- und Politikwissenschaften, ein Diplom in Deutschland in Sozialarbeit, ihre derzeitige Arbeit mit Traumatisierten, ihren Kenntnisreichtum und ihre Kontakte in Afghanistan, aufgrund derer sich die üblichen halbjährigen Landes-Schulungen für EntwicklungshelferInnen erübrigen - erübrigt hätten. Denn Frau Alekozai hatte bisher faktisch keine Chance mit einer deutschen Organisation ihrem Wunsch, Afghanistan mit aufzubauen, nachzukommen. Bei den Arbeitsbedingungen, z.B. der Vergütung, wird von der Organisationenseite aus je nach Nationalität unterschieden. Für nicht in Deutschland Gebürtige - Sohaila Alekozai ist Deutsche afghanischer Herkunft) sind die materiellen und rechtlichen Bedingungen für die Arbeit vor Ort unannehmbar. Von der Geschichte und Politik in Afghanistan gebeutelt genug ist dies eine weitere bittere Erfahrung - zwei Jahre nach dem Beginn den Bombardierungen.